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Alt 18.02.2012, 11:33   #28
Iris68
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Standard AW: Gute Journalistenschule?

Will man hier im Forum eins auf die Mütze bekommen, dann äußert man Kritik an der journalistischen Ausbildung in Deutschland, die sich fast ausschließlich in staatlichen Händen befindet...

Die Kritik ist dann schnell „Quatsch” und „Schwachsinn”...

„Die Schule bietet einen Masterkurs an, der zwar kein Presserecht, dafür aber u.a. Medienethik behandelt.” Da frage ich mich, wessen Medienethik da statt Presserecht behandelt wird.

Ich lese auf der Web-Site der Schule das hier...

Zusammen mit Zuschüssen von Bund, Freistaat Bayern und der Stadt München machen sie es möglich, dass die DJS ihre Ausbildung kostenlos anbieten kann.

Und ich frage mich, warum Bund, Freistaat Bayern und Stadt München diese Schule bezuschussen. Warum bieten die nicht stattdessen Schulunterricht an, der es auch Jugendlichen aus weniger gebildeten Elternhäusern ermöglicht, die der DJS-Aufnahmeprüfung zu bestehen?

In der Liste der Träger lese ich „ ...und andere Unternehmen, denen Qualitätsjournalismus ein Anliegen ist, Verbände, Gewerkschaften und Parteien.”

Und in der Liste darunter finde ich zu viele Namen, die mir bei meiner Journalistenarbeit nicht als sonderlich pressefreundlich aufgefallen sind. Und bei denen ich nicht den Eindruck habe, dass denen Qualitätsjournalismus so ein großes Anliegen ist, dass sie dafür auch noch Geld locker machen.

Ich sehe einige Namen, bei denen ich verstehe, dass es denen lieber ist, wenn Nachwuchsjournalisten Medienethik statt Presserecht lernen.

Ich sehe zu viele Namen von Organisationen, die sehr schnell mit Unterlassungsklagen für „Qualitätsjournalismus” sorgen oder bei Journalistenanfragen Auskunft verweigern und gönnerhaft sagen: „Sie können ja vor dem Verwaltungsgericht klagen, wenn Sie glauben, dass Ihnen mehr Auskunft zusteht.”

Zitat: „ ... wenn den Schülern eines eingebläut wird, dann ist es die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen”. In Bayern wird Schülern kritisches Fragen eingebläut? Da habe ich ganz was anderes kennen gelernt.

Zum Beispiel die Kritiklosigkeit, mit der sich junge Leute ihrer staatlichen Ausbildung beugen. Egal, welcher Unsinn unterrichtet wird.

Würde ein Schüler oder Student seinem Lehrer oder Professor sagen, dass er Quatsch oder Schwachsinn redet, hätte er mit großer Wahrscheinlichkeit massive Probleme. Vielleicht bekäme er sogar den Arsch versohlt (was dann jahrzehntelang unentdeckt bleibt, weil keiner kritisch hinterfragt).

Und ich frage mich, wo diese kritisch hinterfragenden Jungjournalisten dann arbeiten. Bei den Medien aus der Trägerliste? Und ohne fundierte Kenntnisse im Presserecht?

Der „Quatsch”-Kritiker in diesem Thread schrieb kürzlich über das ifp (das ja auch in Bayern tätig ist)...

„Um die Seriosität musst du dir meiner Meinung nach keine Sorgen machen. Das ifp blickt auf mehrere Ausbildungs-Jahrzehnte zurück, hat also entsprechende Erfahrungen gesammelt und sich weiterentwickelt.”

Ich googelte nur ein paar Minuten und stieß auf die Info, dass die Bischöfe den „Geistlichen Direktor” dieses Instituts erst vor Kurzem zum Teufel gejagt haben. Weil er sich in einem Zeitungs-Interview so geäußert hatte, dass das als Pabst-Kritik aufgefasst werden kann.

Ich möchte nicht auf eine Journalistenschule gehen, bei der der Direktor rausfliegt, weil er mal ein Interview gibt. Aber lassen wir das.

Wenn ich richtig nachgerechnet habe, dauert die DJS-Ausbildung nach Abzug der Praktika-Zeiten 9 Monate. Es ist unbestritten, dass man an der DJS einiges für diesen Beruf lernt. Aber die Genialität dieser Kurz-Ausbildung sehe ich nicht. Die 9 Monate Ausbildung an dieser Schule sind kein Grund für Arroganz und Überheblichkeit.

Ein Kfz-Azubi ist nach 9 Monaten Ausbildung ja auch nicht arrogant und überheblich. Er weiß, dass er noch viel lernen muss. Und im Gegensatz zu Journalistenschülern muss er sein Wissen in knallharten Prüfungen nachweisen. Auch das macht leiser.

Es ist ja auch so, dass die Schule aus Hunderten von Bewerbern diejenigen auswählt, die gerade am besten ins Konzept der Schule passen. Die wären auch dann gut, wenn sie die 9 Monate über nur Karten spielen würden.

Was bei dieser Schule leider außen vor bleibt, sind Schüler aus weniger fördernden Elternhäusern, bei denen nicht jeden Morgen die SZ auf dem Frühstuckstisch lag. Ich möchte in der Zeitung auch Artikel von Journalisten lesen, die sich zum Abitur durchbeißen mussten.

Ich möchte in der Zeitung auch Artikel von Journalisten lesen, die nicht wohl behütet in Starnberg aufgewachsen sind, sondern schlecht behütet in Milbertshofen. Und die mit ihren Eltern am Mittagstisch nicht über Politik reden konnten.

Ich möchte Artikel von Journalisten lesen, die einen Il(l)u-Beitrag nicht von oben herab als „Quatsch” und „Schwachsinn” abtun.

In diesem Forum wurde schon ausführlich darüber diskutiert, wie man ein Pressezeichen an die Auto-Windschutzscheibe montiert. Dann sollte man auch mal kritische Meinungen zur Journalistenausbildung verkraften.

„Darfst gerne mal einen Tag bei uns vorbeischauen... wenn du Eier in der Hose hast.” Ich möchte nicht in eine Schule gehen, in der so geredet wird.
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